erschienen 1992 im Verlag STYRIA
Mark schläft nicht gleich ein. Wie eine Drohung überfällt
ihn plötzlich der Gedanke, dass sein Vater ihn frühzeitig verlassen,
das Versprechen, eine ganze Woche mit ihm zu verbringen, nicht einhalten könnte.
Und was geschieht, wenn auch die Großmutter nicht zurückkommt? schießt
es ihm durch den Kopf, dann müsste er vielleicht allein hier zurückbleiben.
Panik überfällt ihn, sie erlaubt ihm nicht, das Absurde dieses Gedankens
zu erkennen, er kriecht unter die Decke, wie um sich zu verstecken, Kälte
umflutet ihn, hüllt seinen ganzen Körper ein, nur seine Tränen
tropfen heiß auf den Polster.
Er liegt und hält den Atem an, der unregelmäßig, in kleinen
Stößen, seinen Mund verlässt. Dann kriecht er wieder aus der
Decke heraus, legt sich auf den Bauch und presst den Kopf in das Kissen. Die
Lider auf den Augapfel gedrückt, sieht er winzige Sterne in wirrer Bewegung,
von vielfarbigen, ständig ihre Gestalt wechselnden Körpern umkreist.
Für eine kurze Frist lenkt es ihn ab von Trauer und Angst, dann schmerzen
die Augen, er will sie, den Kopf schon erhoben, öffnen, als aus der Umformung
eines der Körper ein Wesen entsteht, das er kennt, das er erkennt in aller
Deutlichkeit. König. Der Vogel flattert unter Marks Lidern hervor, nimmt
seine natürliche Größe an, schwebt leise, Mark spürt es,
in der Dunkelheit des Raumes, gibt Trost und Schutz wie die Gegenwart der Mutter
in früherer Zeit. Marks Atemzüge werden regelmäßig und
tief, er legt sich hin wie er am besten liegt, zieht die Decke ans Kinn und
nimmt Königs sanftes Schweben mit in den Schlaf.
Im vierten Roman der Autorin Elisabeth Hauer steht ein Kind
im Mittelpunkt. Seine Mutter hat sich vom Vater getrennt, lebt in wirtschaftlich
bedrängten Verhältnissen und geht schließlich zu ihrem ersten
Mann zurück. Der siebenjährige Mark bekommt einen neuen Vater und
liebt doch nur seinen leiblichen, einen Künstler, der sich kaum um das
Kind kümmert. Da findet der Bub einen Ausweg: Er bekommt eine Rabenkrähe
geschenkt, der er den Namen König gibt. Der Vogel wird zu seinem Vertrauten,
ihm erzählt das Kind sein Leid, über das es mit den Erwachsenen nicht
sprechen kann, und das Tier scheint ihm Antwort zu geben. Elisabeth Hauer stellt
glaubwürdig und berührend dar, wie der Bub allmählich aus der
Traumwelt in die Wirklichkeit zurückfindet. „Es kam mir der Gedanke,
nun einem Roman einen anderen als einen geschichtlichen Rahmen zu geben und
nur nach innen zu gehen, in die menschliche Seele hinein“ sagt die Autorin.
Aus wechselnden Gesichtspunkten umkreist die Autorin ihr Thema, die Trennung
von Erwachsenen und die Auswirkung auf ein Kind, ein. „Der Leser soll
sich seine Meinung aus dem bilden, was ihm dargeboten wird, und wenn er seinen
moralischen Aspekt darin findet, ist es gut, aber es war nie meine Absicht,
zu belehren. Ich wollte darstellen, wie Erwachsene ihre Schwierigkeiten durchkämpfen
und, ohne es zu wollen, Kinder mit hinein ziehen, meint Elisabeth Hauer.
Der Roman ist reich an Spannung und plastischen, sogar skurill-liebenswerten
Charakteren . Der Titel des Romans ist ein Symbol. Die Bogenbrücke zu betreten
ist dem Kind verboten. Als Mark schließlich doch auf ihr steht, gelingt
ihm der nötige Schritt zur Befreiung von seiner Angst vor den Erwachsenen,
die ihn stumm gemacht hat. Elisabeth Hauer ist ein kluger, nachvollziehbarer
Roman über ein aktuelles und zugleich überzeitliches Thema gelungen.
Sylvia M. Patsch, Vorarlberger Nachrichten