Leseprobe

aus der Erzählung „Seidelbast“
Die Erzählung erschien in dem Band „ Ein anderer Frühling“

erschienen 1995 im Verlag STYRIA

Eines Abends, als ich heimkam, stand Ludwig neben seinem Rollstuhl.

Es ist nicht das erste Mal, erklärte er triumphierend. Ich kann mich wieder erheben, erheben.

Ich hatte Angst. Diese Angst steigerte sich, als ich auf einer von Ludwigs Notizen den Satz fand: Ich glaube, das Philodendron geht nun auf meine Wünsche ein. Ludwig stand nun oft aus seinem Rollstuhl auf, der Schwindel, der ihn anfangs dabei erfasste, legte sich mit der Zeit, es gelang ihm, sich zum Philodendron hinunterzubeugen, die Feuchtigkeit des Erdreichs zu prüfen, langsam mit den Fingern den Stamm hinauf bis zu den glänzenden Blätter zu streichen. Der Arzt kam, überzeugte sich von dieser unerwarteten Besserung seines Zustandes und erklärte, sie grenze an ein Wunder. Vielleicht habe wirklich das Philodendron geholfen, meinte er lachend.

Ich fühlte mich immer mehr isoliert. Aber meine große Liebe, mein Garten, vor allem der in voller Blüte stehende Seidelbast, gaben mir Trost. Eines Tages, ich stand mit meinem Helfer beim Biotop, dessen Bepflanzung sich prächtig entwickelt hatte, rief Ludwig vom Fenster herunter, der junge Mann möge zu ihm kommen. Das war noch nie geschehen, oft hatte ich den Eindruck, dass Ludwig ihm fast feindliche Gefühle entgegenbrachte. Heftige Erregung ergriff mich. Schon nach wenigen Minuten kam mein Helfer wieder, in seinen Armen trug er das Philodendron. Wohin, fragte er und sah zu Ludwig hinauf, der immer noch am offenen Fenster stand. Neben den Seidelbast, befahl Ludwig. Nein, rief ich, nein, nicht dorthin. Warum nicht, fragte Ludwig und zog sich zurück

Nun ist es Herbst. Was ich dunkel ahnte, aber nicht wahrhaben wollte, geschah.. Mein Seidelbast ist eingegangen. Schon im August schrumpften seine Beeren, die Blätter färbten sich braun, das Holz zeigte tiefe Risse und trocknete aus. Im September war der Strauch bleich und tot.

Ludwigs Interesse am Philodendron, das wieder in seinem Zimmer steht, scheint zu schwinden. Er wendet sich wieder Dingen zu, die ihn vor seiner Krankheit interessiert haben. Er kann bereits einige Schritte ohne Hilfe gehen.

Heute morgen, als ich die Sackgasse betrat, sah ich, dass man den alten, bemoosten Pfeiler umgelegt hat. Mehrere Schilder zeigen an, dass Straßenarbeiten bevorstehen.

Sollte wirklich die Sackgasse aufgehoben, verbreitert und in die nächste Strasse weitergeführt werden, sollte dadurch die angenehme Stille, die Haus und Garten bisher umgeben hatte, infolge des zu erwartenden Autoverkehrs zerstört werden, wolle er unseren Besitz verkaufen und in eine bequeme Wohnung ziehen, meinte Ludwig. Ich hätte dann die Möglichkeit, mich ganz seiner Pflege, vielleicht seiner vollkommenen
Wiederherstellung zu widmen.

Reszensionen

Elisabeth Hauer stellt in den Erzählungen dieses Bandes Menschen in den Mittelpunkt, die die Balance verlieren, aus einem lange mühsam gehaltenen Gleichgewicht geraten. Sie sehen sich mit irrationalen, ungewöhnlichen, geheimnisvollen Dingen, Situationen und Ereignissen konfrontiert, die ihrem Leben einen Anstoß in eine andere Richtung geben, neue Blickwinkel eröffnen, gewohnte Sehraster verändern. Plötzlich sind sie gezwungen, sich mit sich selbst und der Vergangenheit auseinanderzusetzen, über der ein Netz von Abhängigkeiten, Lebenslügen, Traumata und Verwundungen liegt. Ihre Ausbruchsversuche gelingen nicht immer.

Elisabeth Hauer erzählt mit großer Einfühlungsgabe Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Unterdrückung, von Anpassung und Verrat, aber auch von Momenten geglückten Lebens, in denen Wärme und Nähe spürbar bleiben

Ursula Stock, Die Zeit im Buch

 

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