Leseprobe

aus dem Roman „Ein halbes Jahr, ein ganzes Leben“

erschienen 1984 im Verlag STYRIA

Der Fähnrich Vinzenz Rothenwald verließ an diesem Abend die Steppe des unteren Dnjepr, er kam, zwanzig Jahre alt, als Gast zurück in das Nachbarhaus zu zwei alternden Frauen.
Er hörte von seiner schutzsuchenden, kurzen Liebe zu dem Mädchen Kamilla. Er durfte sich wieder erkennen in den behutsamen, tastenden Schilderungen, die Kamilla von ihm gab. Sie hatte nicht lang seine Nähe gehabt, aber doch die bestimmenden Züge seines Wesens erfasst. Er durfte wieder erfahren, viel genauer als einst, was diese Liebe für das Mädchen Kamilla bedeutete.
Er erlebte, zusammen mit dem Kind Renate, das atemlos diese Geschichte verfolgte, Kamillas trotzigen, verzweifelten Aufbruch nach Boigen, ihre entschlossenen Versuche, sich ihm dort zu nähern, ihre Absicht zu verbergen, ihre Mühe mit der neugierigen Zudringlichkeit des Kindes. Er hörte vieles, was sie ihm damals verschwiegen hatte. Er wurde nochmals Zeuge von Kamillas Bestürzung über das Schicksal seines Vaters, erfuhr von ihrem Hass auf den Vater Renates, den sie mit seinen undurchschaubaren Geschäften dafür verantwortlich machte, und hörte vom zermürbenden Leben ihrer Mutter.
Er stand dabei, als sie in ihren lebhaften Erinnerungen jene Hoffnungen und Träume wieder fand, die damals in ihren Briefen an ihn keinen Platz gefunden hatten, als sie ihre Trauer schilderte über die Gewissheit, er werde nicht wiederkehren.

Rezensionen

Die Wienerin Elisabeth Hauer legt mit ihrem Erstlingsroman ein auslandendes Opus vor, in dem die schicksalhafte Beziehung der zwei Frauengestalten eine Brücke schlägt zwischen gestern und heute, zwischen dem fernen Kriegsjahr 1943 und der Gegenwart.
Sie zeichnet ein figurenreiches, bewegtes und außerordentlich lebendiges Bild jener nationalsozialistischen Zeit im Wiener Villenviertel, klar umrissene und in ihrer Umgebung glaubhaft agierende Charaktere, in deren Gesprächen und Handlungsweisen man die Epoche erkennt und hautnah miterlebt. Spannend wie ein Kriminalroman mutet diese Spurensicherung an, in der Kamillas Traum, die erste Liebe der kaum Sechzehnjährigen zu dem in der Wehrmacht dienenden Sohn des benachbarten Barons, mit großem Feingefühl nachgezeichnet wird. Diese erste und einzige Liebe ist der Ursprung einer Entwicklung, die auch das Leben der ahnungslosen Renate zerstören soll; eine späte, sinnlose Rache, zelebriert in fast antiker Manier. Die Versöhnung der beiden Alternden und der herbstliche Hoffnungsstrahl wirken vielleicht etwas melodramatisch – dennoch spürt man wie in „Vom Winde verweht“ in diesem vielfarbigen Roman den Atem und die Nachwirkung einer ungeordneten und schrecklichen Zeit.

Neue Zürcher Zeitung



Elisabeth Hauer kann farbig erzählen, der Stil drängt sich nicht vor, sondern dient, auf selbstverständliche Weise schmiegsam, der Mitteilung anschaulicher Szenen; sie kann Menschen schildern, aber sie schildert sie nicht stationär in Verhaltensrituale festgefahren, sondern in der Entwicklung ihres Lebensprozesses; sie versteht es, Handlung zu entwickeln und zu steigern, das heißt Spannung erzeugen; und sie kann den Milieus, in die sie die Handlung stellt, Transparenz, ja sogar eine gewisse bedrängende Hintergründigkeit geben. Diese Fähigkeiten verbinden sich auf das Glücklichste in ihrem ersten Roman „ Ein halbes Jahr – ein ganzes Leben“. Ohne Zweifel wird dieses Buch eines Tages auch die Germanistik beschäftigen, dann nämlich, wenn die Literatur der achtziger Jahre aufgearbeitet wird. Hauers Roman ist ein Versuch der Selbstfindung, bei der die Erinnerung eine klärende Rolle spielt. Hauer geht es, wie mir scheint, um eine Formung und Beherrschung des eigenen Charakters, um humane Selbstdisziplin und um eine hilfreiche Zuwendung zu verletzbaren Menschen und zur Umwelt. Das gibt ihrem Buch, neben allem Disharmonischem, das es nicht unterschlägt, Wärme und einen unaufdringlichen Optimismus, der dem Leser wohl tut, weil er so selten erfährt, dass das Leben zwar Rätsel und Bitternisse aufgibt, dass es aber nicht unmöglich ist, es zu ertragen.

Kurt Klinger anlässlich der Vorstellung des Buches in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur

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