Nachdem ich gegessen hatte, blieb ich noch eine Weile bei Tisch sitzen. Ich sah auf meine Hände, auf meine Finger, die sich leise auf und ab bewegten. Ich wollte die Menschen rund um mich nicht sehen. Irgendwann kam der Ober und fragte, ob ich noch einen Wunsch hätte. Ich verneinte und stand auf. Langsam ging ich zu der in einem Nebenraum befindlichen Bar. Mir fiel nichts anderes ein.
Ich hasse es, mich auf einen der steilen Hocker zu quetschen.
Ich habe kein Bedürfnis, mit dem Barkeeper zu plaudern, so zu tun, als
wären wir intime Freunde. Etwas abgesondert gab es noch einen kleinen Tisch.
Zögernd griff ich zur Karte, mit Cocktails kenne ich mich nicht aus, ich
bestellte irgendein Getränk, es war mir gleichgültig, was.
Ein Pianist war da, niemand hörte ihm zu. Ich fand, dass er sehr gut spielte
und war überzeugt, dass sein Platz in dieser Bar nicht seinen Zukunftsträumen
entsprach. So ist es eben, dachte ich, so ist es oft. Auch ich hatte mir vieles
anders vorgestellt.
Nach einer Weile wusste ich, dass es sinnlos war, hier noch länger zu bleiben. Immer mehr Leute kamen, mehrmals fragte man mich, ob bei mir noch Platz wäre, ich verneinte. Plötzlich hörte ich eine Stimme, die ich kannte. Genau kannte. Ich wusste, wer nun die Bar betreten hatte. Aber ich blickte nicht gleich hin. Ich hatte Angst, ihn zu sehen. Meinen Mann. Meinen geschiedenen Mann. Es war solang her. Jahre. Jahre.
Irgendwann sah ich auf, zuerst sah ich nur seinen Rücken, sein Sakko, das mir fremd war, seinen Hinterkopf, sein Haar, noch nicht grau, aber nicht mehr so dicht wie früher. An seiner Seite die Frau, die den Kampf um ihn gewonnen hatte. Er hat sie später geheiratet. Auch sie kehrte mir den Rücken zu, aber sonderbarer Weise interessierte es mich nicht, wie sie aussah.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Gleich gehen, mich schnell und heimlich zurückziehen. Warten. Noch ehe ich einen Entschluss fassen konnte, wandte er sich um und erkannte mich. Langsam kam er auf mich zu.
Er sagte nichts von Zufall oder wie schön, er setzte sich einfach zu mir, ohne Worte, ich merkte, er war bewegt.
Wir haben dann lang miteinander geredet. Jeder hat von sich erzählt, manche Wahrheiten, manches, was die Wahrheit verschleierte. Wir sprachen über unseren Sohn, den auch er selten sah. Wir gaben uns größte Mühe, einfach freundlich zu sein und unsere Emotionen nicht zu zeigen. Seine Frau hatte den Anstand, uns nicht zu stören. Er meinte, er sei am nächsten Tag noch im Hotel. Ich sagte, ich würde schon am Morgen abreisen.
Ich ging dann noch an den Strand. Das Meer war so schwarz wie
der Himmel. Alle Sterne sind heruntergefallen, dachte ich, irgendwohin, weit
weg. Ich hätte gern einen davon gesehen, einen einzigen. Aber es gab keinen.