Leseprobe

aus dem Roman „Die erste Stufe der Demut“

erschienen 2000 in der Literaturedition Niederösterreich

Auch die Nächte sind in diesem Sommer warm. Das ist selten in dieser Gegend. Mathias hat von den wenigen Laubbäumen Äste gesammelt und ein primitives Dach über vier Stöcken gebaut. So sind Eva und er geschützt, wenn es regnet.
An diesem Abend, in dieser Nacht ist keine Wolke am Himmel. Lang dringt das Licht der Sonne in den Wald, macht erst spät einer weichen Dämmerung Platz. Die Stimmen der Vögel, das feine Surren der Insekten, der Laut leiser, flüchtiger Tritte der Tiere auf dem bemoosten Boden verstummt nur langsam. Der Geruch von abgestorbenem Holz mischt sich mit jenem der wieder zu Humus werdenden Nadeln und dem herben Duft der Waldnessel.

Als es ganz still geworden ist, singt Eva ein Lied. Eines, das sie sich selbst ausgedacht hat. Die Melodie findet Mathias schön, den Sinn der Worte versteht er nicht immer.Es fällt ihnen immer schwerer, sich nicht zu berühren. Sie haben nach Auswegen gesucht, streichen einander das Haar aus der Stirn, reiben Rücken und Hände des anderen, zeichnen mit dem Finger Nase und Mund nach, suchen nach rauen Stellen seiner Haut, um sie mit dem eigenen Speichel zu benetzen. Damit wollen sie die Wünsche, die immer stärker in ihnen werden, beschwichtigen, erreichen aber damit das Gegenteil. Die Wünsche gehen ihre eigenen Wege. Manchmal legt Mathias seinen Kopf an Evas Brust und saugt den Geruch ihres Körpers ein. Eva sitzt dann steif und kerzengerade da und rührt sich nicht. Sie wäscht sich immer gründlich, bevor sie Mathias trifft. Manchmal legt Eva ihren Kopf in Mathias´ Schoß, er beugt sich zu ihr hinunter und streichelt sie. Mathias riecht immer nach Schafsstall, aber Eva hat sich daran gewöhnt, es macht ihr nichts aus.

Mathias hat es aufgegeben, ihr Schreiben und Lesen beizubringen. Eva glaubt, diesen Mangel durch ihre Lieder, durch ihre Kenntnis von Kräutern und Pflanzen ausgleichen zu können. Nie hat Mathias gesagt oder auch nur angedeutet, dass ihn das Fehlen der drei Finger an ihrer linken Hand stört.
Diese Nacht ist anders als die Nächte zuvor. Kein Lied, keine leisen Berührungen führen sie hin zum miteinander Reden, wie es sonst geschieht. Sie finden die Worte nicht. Sie wollen sich der Stummheit verweigern, jeder kämpft auf seine Weise darum, doch über ihre Lippen kommt kein Laut. Ein Zittern, ein Vibrieren sitzt in ihren Körpern, das sie nicht unterdrücken können. Ihr Erstaunen darüber wächst und wächst, in diesem Erstaunen sitzt eine ängstliche Freude, die noch keine Richtung hat. Sie warten und wissen nicht worauf.

Bis in die ruhige Nacht unvermutet ein leichter Wind einfällt. Ein Lufthauch nur, der sich gleich wieder verflüchtigt. Aber er genügt, um von ihren Körpern zu verlangen seinem leisen Druck nachzugeben, ganz sanft und ohne Widerstand, bis das Sternmoos sie aufnimmt.

Rezensionen

Für ihren jüngsten Roman hat die Wiener Autorin Elisabeth Hauer eine Fülle von Schauplätzen gewählt: Die dunklen Stuben der Kleinhäusler, Höfe und Felder zwischen den Dörfern Kamp und Taffa, die verschiedensten Räume im Kloster Altenburg ( vom Geheimversteck im Keller über Hof, Kirche, Bibliothek bis zur Prälatur ), die kleine Herrschaft Wildberg, eine improvisierte Hütte an Stelle eines versunkenen Dorfes und andere mehr.
Allen Schauplätzen dieses Romans ist jedoch eines gemeinsam – sie stehen in direktem oder indirektem Sinn im Schatten des grundherrschaftlichen Klosters Altenburg. Zwei verzweigte Familiengeschichten halten die vielen Figuren, Schicksale und Geschichten dieses Romans zusammen. Ihre Repräsentanten sind Mathias Palt und Elisabeth Leutgeb.
Im April 1759 wird Mathias im Dorf Frauenhofen als Sohn verarmter Bauersleute geboren. Durch Vermittlung seines Onkels, des Abtes Willibald Palt, kommt er als Kind in die Männerwelt des Klosters. Doch nach drei Jahren hält ein neuer Abt Einzug in die Prälatur und das Kind wird zurückgestoßen in die bäuerliche Welt. Aber hier gibt es kein Zuhause mehr.
Die Eltern sind tot, und die zweite Frau des Vaters will den Stiefsohn nicht mehr aufnehmen. Er kommt bei seinem Großvater unter, wird Gehilfe des Schäfers lebt mit Eva außerhalb der Dorfgemeinschaft, heiratet später Elisabeth Leutgeb.Er jetzt kommt es dank der Tüchtigkeit der beiden Bauersleute zur sozialen Anerkennung.

Wer diesen Roman liest, der ein Stück heimischer Geschichte des 18. Jahrhunderts aus der Perspektive des bäuerlichen Alltagslebens fassbar macht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Denn das an historischen Details so überreiche Panorama der theresianischen und josephinischen Zeit lebt von vielen Lebensgeschichten, nicht von abstrakten Erläuterungen zur regionalen Historie. Elisabeth Hauer ist also nicht nur ihrer literarischen Chronistenpflicht bestens nachgekommen, das durchkomponierte Erzählgeflecht beweist auch große literarische Raffinesse. Ihr Roman macht Ernst mit der Anstrengung, dass man Geschichte überzeugend aus der Perspektive derer erzählen kann, die einst die große Mehrheit eines Landes ausmachten.

Klemens Renoldner Die Presse und Literatur und Kritik



„Die erste Stufe der Demut“, dieser große, geschichtlich genaue Roman, der zur Zeit von 1759 bis 1801 spielt, schenkt uns anders nicht zu gewinnende Einblicke in die Welt, in das Leben und Bewusstsein unserer Vorfahren. Wir erwerben Wissen, Achtung, Mitleid, das ist Lebenskompetenz durch epochale Einsichten.
Elisabeth Hauers Demut besteht gerade darin, dass sie auf plakativ-polemische Aktualität verzichtet und hinter ihre Aufgabe zurücktritt, dass sie sich voll in den großen Stoff versenkt und ebenso kenntnisreich wie behutsam den Einblick in eine Welt erstehen lässt, der anders nicht zu gewinnen ist, der für unser heutiges Weltverständnis und Lebensgefühl wirklich unerlässlich ist. Und damit wirkt sie erst an der Schaffung gegenwärtig wünschenswerter Lebensbedingungen mit – das ist nämlich der genuine Beitrag zur Kunst. Elisabeth Hauers Roman führt uns mit durchaus avancierter Prosa in die Bewusstseinsströme, Daseinsbewältigungen des 18. Jahrhunderts ein. Sie erschließt damit das Universum von landwirtschaftlicher Urproduktion bis zur hochtheologischen Reflexion, aber nicht akademisch steril, sondern in Dutzenden packend entfalteten lebenswirklichen Schicksalen, befangen, gefangen im Vokabular ihrer Epoche. Und gerade in dieser Beschränkung der Autorin liegt die Wucht ihrer Nachricht, sie schafft damit allerbeste Literatur.

Matthias Mander Neue literarische Gesellschaft Marburg

 

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