erschienen 1989 im Verlag STYRIA
Im Herbst 1913 fuhr Heinrich nach Strugnano, das ihm irgendjemand
empfohlen hatte.
Schon während der Bahnfahrt bereute er diesen Entschluss und überlegte,
an einer der Stationen auszusteigen. Er tat es nicht, aber es fiel ihm schwer.
Im Tunnel hinter Isola überfiel ihn wieder das Herzrasen, das ihm trotz
der Einnahme von Medikamenten geblieben war.
An der Aussteigestelle erwartete ihn ein leichter Wagen. Einen Augenblick lang
überlegte er, ob er sich als Gast zu erkennen geben sollte, schämte
sich und stieg ein. Die Strasse führte in steilen Serpentinen höher,
aber Heinrich hatte keinen Blick für das Panorama, das sich ihm eröffnete.
Er sah über die Steilabstürze hinweg, erblickte weder den Leuchtturm
noch die weißen Häuser und Kirchen, noch den hellen Sand stiller
Buchten, noch das dunkelblaue, von Schaumkronen bewegte Meer.
Wie lang fahren wir, fragte er den Kutscher und glaubte, die kurze Zeit, die
dieser ihm nannte, nicht durchstehen zu können. Um zum Hotel zu gelangen,
musste er den Wagen verlassen und ein Stück zu Fuß gehen. Er murrte
leise vor sich hin, als der Kutscher den Wagen versorgt hatte und, beladen mit
Heinrichs Gepäck, vor ihm den schmalen Weg zur Küste hinunterging.
Wie trägst du denn den Koffer, fuhr er den Mann an, nie würde mein
Diener ihn so nehmen. Der Kutscher schüttelte den Kopf und ließ das
schwere Gepäckstück weiter auf seiner Schulter liegen, den Griff mit
einer Hand umfassend. Heinrich wischte sich den Schweiß von Stirn und
Wangen, er fühlte sich elend.
Das Hotel erwies sich als schlossartige Villa aus dem siebzehnten
Jahrhundert und hatte alle Vor- und Nachteile einer solchen Anlage. Gewaltige
Quadermauern schützten es vor der Brandung, unterbrochen von einer zum
Wasser führenden Steintreppe, an deren Ende riesige, dunkle Zypressen standen.
Das Haus wirkte unfreundlich und düster, an den Außenwänden
zeigten sich Schießscharten.
Heinrichs Zimmer war ein riesiger, hoher Raum, zu groß für einen
allein, voll geräumt mit geschnitzten venezianischen Möbeln. Ein schwarzes
Bett stand unter einem ausgebleichten Baldachin. Nach einer Weile des Zögerns
packte Heinrich aus.
Der Speisesaal, mit schweren Deckenbalken, war ungemütlich,
das Essen fand Heinrich fast ungenießbar.An jeder Mahlzeit hatte er was
zu bemängeln, das Personal begann ihn zu fürchten. Er sprach mit keinem
der Gäste. Er hasste seine Einsamkeit und suchte sie.
Stundenlang spazierte er im Park umher, der terrassenförmig hinter dem
Haus anstieg. Zuerst freute er sich an den südländischen Pflanzen,
die erfahrene Gärtner vor langer Zeit gesetzt hatten. Aber eines Tages,
als ein leichter Wind Äste und Zweige bewegte und die verschiedensten Gerüche
löste, fühlte sich Heinrich davon belästigt. Er begann schwer
zu atmen, Angst stieg in ihm auf. Von da an mied er den Park. Als er sich entschloss,
zum Strandbad gehen und in der Badehose vor dem Spiegel stand, fand er die weiße,
von Falten durchsetzte Haut seines Körpers so widerwärtig, dass er
sich wieder in seine Kleider stürzte. Er wusste von da an kaum mehr etwas
mit sich anzufangen. Abends trank er viel, meist schweren Wein. In seinen Träumen
mischte sich fast vergessene Vergangenheit mit bedrückender Gegenwart.
Einmal kam Nora wieder, die lang nicht bei ihm gewesen war.
Fallwind ist die Geschichte der Auflösung einer Familie, aber gleichzeitig der einer geglückten Gratwanderung gleichende Versuch, die ersten Schatten der sich auflösenden Welt der Monarchie, des alten Österreich, als das Ende einer europäischen Epoche zu erkennen und darzustellen.
In den drei letzten Vorkriegsjahren wird der Leser abwechselnd in die pulsierende Hafenstadt Triest und in einen niederösterreichischen Marktflecken versetzt, wohin es Heinrich Pittoni, seine Kinder Marie, Berthold und Raimund verschlug. Elisabeth Hauer hat auf Grund umfangreicher historischer und kultureller Studien in fabelhafter Detailtreue und Erzählfreude das politische Klima sowohl in Triest wie in dem hinterwäldlerischen Siebenbach heraufbeschworen, in mehreren Einzelschicksalen ganz und gar verschiedener Menschentypen das Nahen des großen Umbruchs glaubhaft gemacht.
Die Autorin hat in dieser ihrer besten großen Prosa-Arbeit einen historischen österreichischen Roman vorgelegt, der keinen Vergleich scheuen muss. Sie hat in ihm in jeder Hauptfigur und ebenso in jeder anderen ohne jede plakative oder psychologisierende Absicht die Zeit sichtbar werden lassen: in der dumpfen Ablehnung der Siebenbacher gegenüber einem zugewanderten böhmischen Bäcker oder der Gleichgültigkeit gegenüber einem im Ort zu Tode gekommenen galizischen Händlers; in Gestalten wie der Mutter Fannys, einer geschundenen, armen Bäuerin, oder der Mutter Simons im fernen Slowenendorf. Sie hat die scheinbar unbedrohte bunte Welt Triests dem gottverlassenen niederösterreichischen Flecken gegenübergestellt. Und dort wie da einfach an Hand ihrer Geschichte das Beben spürbar gemacht, das die Monarchie schon bald in ihren Grundfesten erschüttern sollte.
Nicht zuletzt geht von diesem Roman ein besonderer Zauber dadurch aus, dass Elisabeth Hauer genau wie unterhaltend zu erzählen weiß, aber – formal durchaus eingeplant – es ganz dem Leser überlässt , ihre handelnden Personen kennen zu lernen, zu begleiten und zu beurteilen. Dass sie sie in so verdrängten Jahren wie jene letzten vor dem ersten Weltkrieg zu Leben erweckte, macht nicht zuletzt den eigentlichen Reiz der Lektüre aus.Ilse Leitenberger Die Presse
Elisabeth Hauer hat einen großen Österreich-Roman geschrieben Sie verblüfft ihre Leser durch das kunstvolle Bild einer privaten Geschichte in historischem Ambiente Das Schicksal der Pittonis spiegelt auch das des Reiches – alles löst sich auf, alle sind einander fremd, Heimat gibt es kaum mehr. Der Nationalitätenhass im Grossen entspricht dem Fremdenhass im Kleinen, und die Figuren stehen nicht nur für sich selbst, sondern jeweils auch für einen Teil der Monarchie.
Die Schauplätze gestatten es der Autorin, eine Fülle von Figuren einzuführen, die der Fülle des Lebens knapp vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs entsprechen. Dass die Autorin es nicht verbergen kann, welche der von ihr erfundenen Menschen sie am meisten liebt, macht das Lesen zur aufregenden Begegnung. Einzelne Vorzüge dieses österreichischen Romans hervorzuheben wäre ungerecht, weil dadurch die anderen ungesagt blieben. Der Reiz der Geschichte liegt nicht nur im Erzähltalent der Autorin und der Wahl der Themenkreise und Schauplätze, sondern auch in der historischen Wahrhaftigkeit. Das Klima in diesen drei letzten Jahren vor dem großen Krieg spiegelt in jedem Detail das Ende einer Epoche, die nie wieder erstehen wird.Ditta Rudle Die Wochenpresse