erschienen 1986 im Verlag STYRIA
Nichts anderes bewahrte Helene Loetz in ihrem Gedächtnis
so klar, so zum Greifen nahe wie dieses Bild: Ein willkürlich von der Natur
zwischen Bäumen und Sträuchern ausgesparter Rasenfleck, formlos und
eng, vom Schatten nicht erreicht, voll im Licht des wolkenlosen Sommertages.
Darauf ein junger, kräftiger Mann in einem grell gefärbten blauen
Trikot, Träger über breiten Schultern, die muskulösen Beine zur
Gänze frei. Der junge Mann macht einen Handstand mit Überschlag und
bleibt oben, dann geht er auf den Händen, dann steht er auf dem Kopf und
gleitet mit angezogenen Beinen zu Boden. Aus dem Stehen wirbelt er in einen
gefährlich aussehenden Salto und kommt, wie durch ein Wunder, wieder auf
die Füße.
Wie helles Wasser rinnt der Schweiß in schmalen Bahnen über seine
braune Haut, kupferrot leuchtet sein Haar über dem hellen Grün des
Rasens. Er wiederholt diese Übungen einige Male dann bleibt er stehen.
Nun erkennt man die Schrift auf dem Trikot. „Zirkus Mirano“ zieht
sich schräg darüber hin in goldener Flittersteckerei.
Klara hat, wie in Trance, den Schatten der Rotbuche verlassen.
Wenn der junge Mann seine Übungen beendet, muss er sie sehen. Helene Loetz
weiß, wer dieser junge Mann ist, sie weiß, dass Klara seine Familie,
von der sie nur Unangenehmes erlebt hat, ablehnt, dass sie auch ihn ablehnen
muss. Wie peinlich, wenn Klara ihn, in Unkenntnis seiner Identität, nun
anredet, was man von ihr erwarten kann.
Helene Loetz drückt sich an den Stamm des Baumes, sich will sich heraushalten
aus dieser verwirrenden, grotesken Situation, aber sie weiß, sie sollte
Klara irgendwie warnen. Sie zögert den Bruchteil einer Sekunde zu lang.
Denn jetzt tritt Klara auf den Wiesenfleck, der junge Mann blickt auf, er ist
überrascht, er ist verlegen, scheint aber sofort zu wissen, wer vor ihm
steht. Klara macht ein paar Schritte in seine Richtung. Ich muss mich entschuldigen
meint sie, ich habe Sie gestört. Kommen Sie, sagt sie, kommen sie zu uns,
Sie müssen uns vom Zirkus erzählen. Sie dreht sich um, der junge Mann
folgt ihr langsam. Helene Loetz lehnt noch immer am Stamm der Rotbuche. Erst
nach einer Weile geht sie den beiden nach.
Wie sich die dunklen Fäden dieses Familiengobelins kreuzen, in ihren Farben mischen, das macht den Reiz dieses spannenden Romans aus. Die beiden Frauenfiguren, Klara und Christine, werden durch ihr Handeln wie durch die Handlung selbst lebendig und in ihren Entscheidungen glaubhaft. Offen, beziehungsweise nur zwischen den Zeilen wahrzunehmen, bleibt beider Flucht in ein anderes Milieu, ihre Entschlossenheit, bürgerliche Sicht hinter sich zu lassen, nicht zuletzt deshalb, weil sie früher als die Männer ihre Brüchigkeit, ja ihren Zusammenbruch spüren. Das wird ohne bloße Benutzung von Daten des Umbruchs ( 1938 ) wirklich romanhaft an den Leser herangetragen.
Ilse Leitenberger, Die Presse
Ist Christine wie Klara? Und wer ist Klara? Das sind die beiden zentralen Fragen, auf die dieser spannende Roman aufbaut. Christine, eine junge Frau, die sich plötzlich gegen Konventionen stellt, die aus der Geborgenheit ihrer Ehe und ihrer Familie ausbricht. Auf Grund ihrer geringen Anpassungsfähigkeit an die starren Normen ihres gutbürgerlichen Elternhauses wird sie häufig mir ihrer Großtante Klara verglichen, einer Art Tabu-Peron, von der man nicht weiter spricht. Christine belastet dieser Vergleich, sie beginnt dieser Person nachzuspüren und ihr Leben aufzurollen. Die politischen und privaten Zwänge, denen die beiden Frauen innerhalb der Familie ausgesetzt sind, ist das Hauptthema des Romans. Politisch sind es für Klara die 30er Jahre mit ihren sozialen Problemen und den ersten Anzeichen des Nationalsozialismus. Im Privaten verkörpert sie ein Frauenbild, dem der Ausbruch aus den zahlreichen Rollenzwängen nicht gelingt. Christine scheint es, zwei Generationen später, zu gelingen. Elisabeth Hauer ist mit diesem Roman ein sehr dichtes und komplexes und dabei so lesbares Werk gelungen.Helga Ebner, Die Zeit im Buch